Entscheidungen bei Re-Entry

Selbstfiktionalisierung des Zuschauers als Rezepte-Erfinder

Man nehme 4 hauchdünne Kalbsembryonenschnitzel, wendet diese in Mutterkornmehl, schwenkt sie dann in 7 verquirlten Wachteleiern und ummantelt sie mit Paniermehl aus einem französischen Brioche, das man sanft über eine Reibe gezogen hat. Das ganze backt man in Trüffelöl aus und hat eine kleine ethisch-nicht-korrekte Leckerei.

Das war mein Rezept für Kalbsembryonenschnitzel.

Man sollte sich zu Beginn von „Re-Entry“ ein Rezept für Kalbsembryonen überlegen- sofern man sich für das Dasein eines „Reichen“ entschieden hatte. Es waren 100€ Preisgeld für das beste Rezept ausgesetzt. Die hätte ich gerne gewonnen und dann einem notleidenden Künstler geschenkt, wenn er mir einen netten Brief geschrieben hätte.

Mozarts Bettelbriefe wurden vertont, nein sie wurden zuerst einmal in die heutige Rechtschreibung gesetzt und dann verschickt, an die 100 reichsten Deutschen und die 100 reichsten Österreicher. Das Hörspiel hieß dann 2006 bei dem KünstlerduoWechselstrom „Reply“ und war eine eigenständige (nicht Re-Entry-vorbereitende) Arbeit.

Reply, Re-Entry, Recycling.

Die Mozart-Brief-Aktion wurde in Re-Entry wieder verwurstet, ebenso die lustige Kalbsembryonen-Aktion, (Wechselstrom versuchte, sich Kalbsemryonen zu besorgen und diese dann mit anderen öffentlich zu essen) die in Österreich sogar vulgäre Beleidigungen an die Wechselstromer verursacht haben. Wechselstrom versuchten hierbei nicht an Geld sondern an ein Kalbsembryo zu kommen. Leider waren die Reaktionen hier in Oldenburg auf „Re-Entry“ nicht im Ansatz so aufgeregt, wie bei den echauffierten österreichischen Embryonenfreunden.

In einem der Performance folgende Gespräch wurde von Wechselstrom als ein Ziel von Re-Entry die „Selbstfiktionalisierung des Zuschauers“ genannt.

Man soll in Re-Entry Entscheidungen fällen, was ja an für sich einer (auch fiktiven) Identitätsfindung zuträglich ist. Leider sind diese Entscheidung nur in einem binären Entscheidungssystem möglich, es herrscht keine reale Multioptionalität, es gibt nur die Entscheidungsmöglichkeit zwischen jeweils zwei oberflächlichen Kategorien (arm/reich, Pelzträger/Tierschützer usw.)

Ein sich selbst-fiktionierendes Publikum kommt nicht zustande, wenn das Publikum nicht die Chance bekommt sich selbst zu zu entwerfen, sondern nur „ja“ oder „nein“ sagt.

Läßt man sich als Zuschauer darauf ein, Entscheidungen zu fällen, stellt man schnell fest, dass diese Entscheidungen konsequenzlos bleiben. Man trennt sich zu Anfangs in zwei Gruppen, die Armen und die Reichen, eine halbe Stunde später findet man sich mit den anderen in einer anderen Gruppe (z.B. den Ungläubigen) wieder.

Soll uns gezeigt werden, dass wir uns nur einbilden, Entscheidungen fällen zu können, alles ist nur eine Illusion? Diesen Schritt macht aber der Zuschauer nicht, denn dazu müßte er zuerst in die Performance einsteigen und dann irritiert werden und daraufhin sein Handeln reflektieren. Bei Re-Entry konsumiert der Rezipient nur und bleibt ständig in Distanz.

Als funktionierendes begeisterndes Gegenbeispiel sei hier auf die Aktionen der Gruppe Signa verwiesen, wo man als Zuschauer eine Rolle einnimmt, fast ohne es zu merken

Entscheidungen?

Nach Aussage der Regie steht für „Reich“ das Kalbsemryo, weil es dekadent ist, sich damit zu beschäftigen, ob man ein solches ißt oder nicht, für das „Arme“ steht Mozart und seiner Gelder-Suche. Mit Mozart fand in der von Theiler komponierten Musik leider keine Auseinandersetzung statt. Sie klingt genauso klischeehaft „modern“(Kaugummi-Geigen, erschrockene Posaunen, Verwirrtheit in der Melodie- und damit eher 50 Jahre drüber) wie die Schauspieler ausgestattet sind (die reiche Frau trägt einen Pelzmantel) und wie die Anweisungen der Statisten- Helfer an die Zuschauer („Gehen Sie einen Schritt aufeinander zu und geben Sie sich die Hand“).

Um sicher zu stellen, dass die Regie nicht beliebig und unentschlossen den Abend gestaltete, wurde anscheinend der Ablaufplan in der letzten Station gut sichtbar an die Wand getackert.

Warum soll sich der Zuschauer entscheiden, wenn sich die Regie nicht entscheiden konnte bzw. wollte?

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